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In den Stunden nach der Explosion im Kernkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1986 in der Ukraine traten sie auf den Plan. Sie erschienen auf den Titelseiten in der ganzen Welt, diese Soldaten, die gegen jenen unsichtbaren Feind, die Radioaktivität zu kämpfen hatten. Ausgerüstet mit unsicheren Gasmasken und Schutzkleidung, die nicht besonders widerstandsfähig schien... Gesichter, die man nicht sehen konnte, unscheinbare Helden, die über die zerstörten Mauern des Kraftwerks eilten, während die Kernschmelze fortdauerte. Man gab ihnen diese schreckliche Bezeichnung: Liquidatoren, als seien sie allein durch ihre große Zahl in der Lage, die radioaktive Giftschlange zu bezwingen: 500 000, von denen 20 Jahre später, 2006, 20 000 an den Folgen ihre Einsatzes inzwischen gestorben sind. Manche an selten auftretenden Pathologien, die meisten an Krebs.

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Die Fotographien in den Zeitungen waren schwarz-weiß. Ich war fast 30 Jahre alt und erinnere mich an die unscharfen Bilder, als hätte ich sie jeden Tag aufs neue angeschaut.

Heute sind die Bilder farbig, die Schutzkleidung solider, die Masken zweifellos wirksamer. Doch wie Zwillinge sich ähneln, ähneln die Gestalten im März 2011 denen vom April 1986 in der damals noch bestehenden Sowjetunion - es war die Feuertaufe des Reformators Michail Gorbatschow. Es heißt, die Kernkraftwerke seien sicherer geworden ... Nicht so sicher. Japan beweist das. Da sind sie wieder, die Liquidatoren und die Fotografien auf den Titelseiten. Fast als seien sie per Kopieren - Einfügen übernommen worden, eilen die Figuren über die Ruinen einer Teufelsmaschinerie mit vier Reaktoren, von den drei sich nicht abkühlen wollen. In Tschernobyl hat einer gereicht um Radioaktivität über ganz Europa zu verbreiten, wenn auch am Ende weniger, als man hätte befürchten können, dank jener kleinen Gestalten und ihrer Bemühungen, die außer Kontrolle geratenen Atome zu begießen und einzumauern.

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Da sind sie wieder, nur die Nationalität hat sich geändert. Kamikazetruppen. (Die japanische Bezeichnung der Selbstmordflieger des zweiten Weltkriegs ist "Spezialtruppe" (shimpu tokkotai), die entsprechenden Schriftzeichen ließen sich (unzeitgemäß) auch als Bezeichnung für historische Taifune, Kamikaze, "Gotteswind" deuten, die zwei Mongoleneinfälle verhinderten... d.Ü.)

Die alte, aber höchst lebendige russische Iswestja zeigt sie in Großaufnahme "Japaner in der Strahlung" titelt die Tageszeitung. Mit dem bemerkenswerten Untertitel: "Die russische Erfahrung hat uns eins gelehrt: gefährlicher als die Radioaktivät sind die Ängste".

"Das letzte Aufgebot" - so heißt uns der österreichische Kurier sie grüßen - die, die sterben werden. - Die Toten grüßen dich!

Während uns die International Herald Tribune die Rücken von Feuerwehrleuten in langer Schlangein in der Stadt Kesenuma zeigt, unweit der strahlenden Kraftwerke - eine Rettungsmannschaft auf dem Weg in Leid und Schmerz und Tod, vielleicht schon bald, ein Gedanke, der unwillkürlich aufkommt in Anbetracht der nuklearen Katastrophe...