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Kennen Sie die Zeitung Presse Nouvelle Magazine? Oder wenn ich Sie frage: Presse Nouvelle Hebdo, sagt ihnen das etwas? Oder auch Neie presse? Nein, noch immer nicht? Dabei handelt es sich doch um eine meiner kleinen Proustschen madeleines... Denn mein Großvater, will mir scheinen, las diese Zeitung, jener Großvater, den ich nicht gekannt und der MoIse hieß... Später fiel der Titel häufig in Gesprächen, wenn ich meine Ohren spitzte und verstehen wollte, worüber meine Mutter und meine Großmutter sich in Jiddisch unterhielten. Die Neie presse war die Tageszeitung der kommunistischen Juden. Nachdem dann das Jiddisch (beinahe) ausgerottet war als man die, die es sprachen, ermordet hatte, trat eine französische Ausgabe an die Stelle des Originals, und als die Kommunisten unter den Juden immer seltener wurden, erschien die Zeitung nur noch einmal in der Woche. Heute sorgt ein wunderbar unbeirrtes Team dafür, dass das Blatt einmal im Monat mit dem Namen Presse Nouvelle erscheint und sein Archiv jedermann zugänglich ist.

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In diesem März, in diesem Frühling, der sich vorzeitig über Maghreb und Mashreq ausbreitet, bringt die Zeitung eine Titelseite wie sie nirgends sonst zu finden ist. Über einem begeisterten Beitrag von Roland Wlos zu den Volksbewegungen in Tunesien, Ägypten und Bahrein, lässt das Blatt eine andere Revolution uns grüßen, die schönste von allen womöglich, weil sie die Zeit nicht fand, sich in Machtkämpfen zu erschöpfen. Die Pariser Commune. Es ist ihr 140ter Geburtstag in diesem März 2011. Das Gemeinsame der Aufständischen von damals und heute: die Jugend der Anführer und das Faktum, das ein Teil der Armee sich auf ihre Seite geschlagen hat. 73 Tage hat sie durchgehalten, die Commune, fast zweieinhalb Monate. Ein Traum, gewiss. Aber auch Maßnahmen wie diese: die 40-Stundenwoche, die Reglementierung der Nachtarbeit, offizielle Anerkennung nicht ehelicher Partnerschaften, aktives und passives Frauenwahlrecht, gesetzliche Grundlage für Kooperativen, Thesen zur Kunst usw., usw. Eine enorme Arbeitsleistung in diesen wenigen Wochen. Und am Ende ein Massaker, neben dem die blutige Repression à la Gaddafi in Lybien, à la al-Assad in Syrien mit hunderten von Toten geradezu amateurhaft anmuten. Der gute Adolphe Thiers organisierte von Versailles aus die Übermacht gegen die Communards und Bombenlegerinnen: vom 21 bis 29 Mai veranstaltete die Versailles-treue Armee ein Blutbad unter den Parisern. 25 000 bis 30 000 wurden erschossen, hingerichtet, eilig in Massengräbern verscharrt oder in den von Baron Haussmann entworfenen Teichen der Parkanlagen versenkt.

Die Schriftstellerin André Léo, die junge Russin Elisabeth Dmitrieff oder auch die Wäscherin Nathalie Lemel hatten die Frauen bewegt, sich zu organisieren, zu engagieren, zu kämpfen. Die Commune war eine bunte Gesellschaft, beinahe gleichberechtigt und nicht selten fröhlich. Da liegen zweifellos die hauptsächlichen Unterschiede zu den gegenwärtigen Bewegungen.

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In Russland lief Lenin Schlittschuh auf der Neva am 74ten Tag der Revolution und drehte freudig seine Kreise beim Gedanken, dass die Bolchewiki es jetzt schon einen Tag länger geschafft als die Communards . - NIemand scheint sich angelegentlich des 140ten Jubiläums daran zu erinnern. Doch hatte die stets einfallsreiche Moskowskaja Prawda nichtsdestotrotz einen internationalen Festtag zu feiern, den Tag des Planetensystems (wusste jemand, das es den gibt, zwei Wochen nach dem Tag der Frauen?) Die Zeitung widmet ihre Aufmerksamkeit bei dieser Gelegenheit den Schwingungen von Erde und Mond und versucht mehr oder weniger ernsthaft die Katastrophen zu ergründen, die uns heimsuchen . Der Mond, so will es scheinen, stellt die Bedrohung dar. Alle 18 Jahre nähert er sich uns um 4000 km. Erschreckend, aber, erklärt uns der Astronom Anatoly Chlistow, so gut wie nichts im kosmischen Maßstab. Also gut. Wir wussten ja, dass der Vollmond unseren Schlaf stört, dass er unser Haar kräftiger wachsen lässt, wenn wir es gerade dann kurzschneiden, auch dass er die Flut zur Springflut werden lässt. Aber sich vorzustellen, dass er Tsunamis auslöst, Küsten verwüstet und Züge entgleisen lässt, wie manche behaupten....