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Seit zwei Wochen kennt die Geographie in Frankreich aber auch, nach allem was ich lesen und sehen konnte, im übrigen Europa und in Nordamerika, oder, anders gesagt, bei allen Neokolonisatoren, zwei Räume: die Abendländer und die arabische Welt, ein unterschiedsloses Gebilde von Tanger bis Teheran über Istanbul und Djibouti... Die Kommentatoren begeistern sich zu Recht am Fall der Regierenden dieser "arabischen Welt" und werfen alle in den gleichen Topf, Khadafi und Mubarak, Algerien und Yemen, alle Diktatoren, alle Unzivilisierten. Worte für Nuancen, für die Abstufung der Diktatoren, Tyrannen, Potentaten, Dynastien und anderen Nepotismen, für die politische Geschichte der Länder, der ehemals tausendjährigen Staaten, oder auch der fünfzigjährigen Kunstgebilde, für zivilgesellschaftliche Gruppen, alte und neue, scheinen aus dem Vokabular ausgeschlossen, seit der Maßstab festliegt: Khadafi und die Lybier. Schluss mit allen Regimen und allen Eliten der "arabischen Welt".

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Also ändern wir unser Gravitationszentrum und lesen, was anderswo gesagt wird. O welche Überraschung: in der russischen Presse existiert keine arabische Welt. Die ausgezeichnete, unabhängige Moskauer Nesawisima Gaseta zum Beispiel, zeigt eine Titelseite mit der schlagenden Überschrift: Freies Afrika! Denn ja, man muss wohl daran erinnern, dass die meisten der Länder in Aufruhr zum afrikanischen Erdteil zählen, gegenwärtig mit den Ausnahmen Bharein und Yemen (dessen Territorium jedoch gleich beim Horn von Afrika beginnt). Die Zeitung bringt sogar eine gewagte Parallele: "ganz wie 1960, als ein Kolonialreich nach dem anderen zerfiel, stürzen die Massen fünfzig Jahre später die autoritären Regierungen." Das Blatt versucht herauszufinden, warum die Bewegungen in diesen Ländern gerade jetzt begonnen haben. Die Antwort von Professor Ragui Assaad der Universität von Minnesota (weiß der Teufel, warum ein von Moskau so weit entfernter Spezialist gefragt wurde, ob er wohl russisch spricht?) ist sehr interessant. Der Wissenschaftler verweist auf den demographischen Faktor dieser Länder, auf die Explosion der jungen Bevölkerung - in Algerien zum Beispiel sind 65 % der Bevölkerung jünger als 30 Jahre. "Im Fernen Osten und in Südostasien wurde, da wo ein offenes Wirtschaftsystem besteht, die Welle der auf den Arbeitsmarkt drängenden Jugend als ein Glücksfall betrachtet. In Afrika und im mittleren Orient haben die Staaten Wirtschaftsysteme entwickelt, die dem exponentiellen Zuwachs an menschlichen Ressourcen total entgegenstehen. Wenn Sie es mit einer Jugend zu tun haben, deren Erwartungen mit dem Bildungsgrad wachsen und die mit enttäuschten Hoffnungen nach Hause geschickt werden, ist es kein Wunder, dass Verbitterung und Frustration zunehmen und auch die Wut, und sie gefährlich werden. " Nach Ragui Assaad sollten demographische Verläufe, die sich anschicken, umzukehren, wie in Tunesien und vielleicht auch in Ägypten, auf eine Rückkehr zu stabilen Verhältnissen hindeuten.

Um ehrlich zu sein: in Frankreich hat der Demograph Emmanuel Todd ganz ähnlich argumentiert.

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Die alte Prawda, schwarz-weißes Überbleibsel der großen Sowjetunion, huldigt auch der geographischen Vorstellung: Eine afrikanische Angelegenheit. Beweis: "die Hubschrauber und die anderen Flugzeuge mit ihren Piloten im Sold von Khadafis Lybien kommen aus Nigeria, aus dem Tschad, aus Guinea, ja selbst aus Tunesien"

Die Moscow Times, die englischsprachige Zeitung, interessiert sich ihrerseits für die neue dmitrische Rhetorik, die der Putinschen Redeweise näher sei , als der bisherigen des russischen Präsidenten. "Schauen wir der Wahrheit ins Auge, hat Dmitri Medwedjew gesagt, sie (die dunklen Kräfte des Bösen und Fremden?) haben uns ein solches Schauspiel bereitet und jetzt versuchen sie noch stärker, uns mithineinzuziehen."

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Das Problem ist, dass der Herr des Kreml nicht erklärt hat, wen er in das "sie" einbezieht. Aber die Moscow Times meint, dass er wohl die meint, die sein Vorgänger Putin in Zeiten der orangenen Revolutionen in der Ukraine, in Georgien oder auch in Kirghistan schlecht redete. "Sie" waren damals die Regierenden und die Geheimdienste des Westens. Aber Ewgeni Primakoff, der ehemalige Ministerpräsident und Leiter des Auslands-KGB, arabisch sprechend und Spezialist für den mittleren Osten, widerspricht entschieden dieser Hypothese: "Ich war in den Vereinigten Staaten, als der Aufruhr in Ägypten ausbrach. Ich habe viele Diplomaten getroffen. Und ich bin absolut überzeugt dass die Vorkommnisse sie in tiefes Staunen versetzte und schockierte. "

Medwedjews Rede von der Bedrohung durch äußere Kräfte hat andere Gründe, meint auch Andrei Soldatow, ein renommierter Politiloge der russischen Hauptstadt: wie die arabischen Regierenden, beherrschen auch die russischen Autoritäten die Realtität im Land nur sehr beschränkt. "Und im übrigen kann sich der Präsident Medwedjew, ehedem Meister in der Kunst soziale Netze du manipulieren, deren Fähigkeit die Massen zu mobilisieren, nur zu gut vorstellen."