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Die allerersten fanden sich in Frankreich, Abgeordnete und Regierungsmitglieder, die eine Unverschämtheit darin sahen,

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die Kernkraftdiskussion zu schüren, als die Tsunamiwelle an Japans Küsten noch kaum verebbt war. Dann war Deutschland an der Reihe, wo ökologische Themen seit Jahrzehnten die Politik mitbestimmen und niemand sich darüber aufregt, dass die Kernkraft sofort wieder in Frage gestellt wird, wenn in einem Kraftwerk eine Kernschmelze einsetzt, auch wenn das Kraftwerk sich am anderen Ende der Welt befindet.

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In Frankreich konnte sich die extreme Rechte bei den Kantonalwahlen mit 15% der Stimmen wieder einmal als nicht zu übersehende politische Kraft etablieren. Der Hintergrund eines Erdbebens und einer Bedrohung durch Radioaktivität blieb und bleibt sehr vage in einem Land, das sich nach dem Ölschock der 70er Jahre, unter der Präsidentschaft von Valéry Giscard d’Estaing, für die Kernkraft entschieden hat und stolz ist auf seine 19 Kraftwerke mit insgesamt 58 Reaktoren.

In Deutschland hat die zweifache Landtagswahl die Grünen ins Zentrum des politischen Schachbretts befördert. "Im Schatten der Atomkatastrophe Siegeszug der Grünen" - die Tageszeitung im Nachbarland Österreich irrt sich gewiss nicht. Und in de Volkskrant beim Nachbarn Holland reibt sich der unsympathischste Geizhals der Simpsons die Hände an der Seite einer lächelnden, sich für die "Brückentechnologie" einsetzenden Kanzlerin Merkel.

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Ein deutscher Radiosender hat berichtet, dass gleich nachdem das Beben über das Reich der aufgehenden Sonne hinweggefegt war und die Geigerzähler verrückt zu spielen begannen, die Bürger zu den alternativen Energieversorgungsunternehmen strömten. Die Düsseldorfer Wirtschaftswoche, eine der ältesten deutschen Wochenzeitungen, schreibt, dass Naturstrom jetzt 1200 Neukunden pro Tag verzeichne, während vor der japanischen Katastrophe nur 130 pro Tag registriert wurden...

Aber die Kernkraftdiskussion lebt mit dem Tsunami nicht nur in Deutschland, in Italien oder in Spanien wieder auf. In Polen bekräftigte Premierminister Tusk seine Absicht, die Gewinnung von Shalegas aus Schieferschichten zu fördern. Und in der Schweiz titelt die renommierte Temps, dass die Energieressourcen samt Für und Wider der Kernkraft im Zentrum der bereits begonnenen Kampagne für die Wahlen im Oktober stehen.

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Warum bewegt sich die Debatte über diesen Gegenstand, über die Zukunftsentscheidungen, um unser Hexagon herum, dringt kaum ein, so wie damals, nach Aussage unserer wohlmeinenden Regierenden, die radioaktive Wolke von Tschernobyl im April 1986 brav die Grenzen unserer douce France mied?

Franzosen können sich nicht auf die gleiche Mentatlitätsgeschichte beziehen wie ihre Stiefgeschwister jenseits des Rheins, wo der Naturkult sich im 19ten Jahrhundert mit der Freiluftbewegung (die manchmal in einen mehr als zweifelhaften Körperkult ausartete, den die Nazis bekanntlich bis zum Völkermord steigerten und pervertierten) etablierte, und die Ökologie auch wissenschaftlich ihre Protagonisten hatte, etwa den Biologen Ernst Haeckel, den Erfinder des Begriffs.

Hat das Agrarland Frankreich vielleicht lieber eine schwache Körperlichkeit, ein Savoir-vivre der guten Weine, der Käse und anderer Köstlichkeiten kultiviert? Aber folgt daraus nicht auch, wie mir scheinen will, ein Nachdenken über die Natur, auch wenn man ihr dabei nicht immer ganz gerecht werden sollte?