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Es war der 11. September 1973, 28 Jahre vor dem anti-amerikanischen 11.9.. Ich war 16 Jahre alt und ich denke, es war das erste Mal, dass ich meine Eltern weinen sah. Es waren nicht Bilder, die sie derart berührten, wir hatten kein Fernsehen, es war Ton im Radio, das Knattern von Maschinengewehren, Bombenexplosionen, Schreie - das Ende eines Demokratieversuchs der chilenischen politischen Linken, der Tod des Staatspräsidenten Salvador Allende. Jener 11.9. von den Brandstiftern der CIA kräftig unterstützt, forderte auch seine mehr als 3000 Tote, entweder sofort oder während der anschließenden Diktatur des Generals Pinochet, der 17 Jahre lang das Land beherrschte.

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Und weitere Menschen starben an den Folgen, weiter weg, aber in direktem Zusammenhang mit jenen Ereignissen, Menschen aus dem Kreis der Überlebenden und der Kinder der Ermordeten und Gefolterten. Es ist, als würden sich in Lateinamerika mit der Exhumierung von Allendes Leiche plötzlich die Schleusen öffnen. Zeugen hatten seinerzeit behauptet und auch die Autopsie hatte ergeben, dass Allende sich das Leben genommen habe, um Folterung, summarischer Verurteilung und der so gut wie sicheren Hinrichtung zu entgehen. Isabel Allende, eine seiner Töchter, 66 Jahre alt, sozialistische Abgeordnete (nicht zu verwechseln mit der anderen Isabel, der Schriftstellerin und Nichte Allendes) wird sich bis an ihr Lebensende an die letzte Umarmung ihres Vater, ein paar Minuten vor dem Sturmangriff, erinnern. In seiner letzten Radioansprache hatte er gesagt: "Vor eine historische Entscheidung gestellt, werde ich meine Loyalität euch, meinem Volk gegenüber , mit meinem Leben bezahlen."

Die Freunde Salvador Allendes aber auch seine Unterstützer wie Fidel Castro, der so ausdauernde Lider Maximo, haben stets der Selbstmordthese widersprochen. Sie wollten unbedingt glauben, er sei ermordet worden, als sei der Tod durch die Hand des Feindes ehrenhafter. Dabei gibt es nichts ungewisseres... So wird die Leiche also ein zweites Mal aus der Erde gehoben. Das erste Mal war 1990, nach dem Ende der Diktatur, als man den Helden in ein Mausoleum in der Hauptstadt überführen wollte. 1973 hatten die Generäle ihn in eine anonyme Grabkammer geschoben, ohne Grabstein, hunderte von Kilometern von Satiago entfernt. 2008 hatte ein Gerichtsmediziner bestätigt, dass die Flugbahn der Geschosse und die Lage der Einschussstellen nicht mit einem Selbstmord in Einklang zu bringen wären.

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Was auch immer die neuerliche Untersuchung ergeben wird, sie stellt für die Überlebenden wiederum eine Belastung dar. Seit jenem 11. September 1973 kommt die Familie Allende aus dem Unglück nicht heraus. Die zweite Tochter des ermordeten Präsidenten nahm sich das Leben im kubanischen Exil, hinterließ zwei Kinder ; 1981 stürzte sich Laura, eine der Schwestern Allendes, ebenfalls in Havanna, aus dem Fenster und starb, und 2010 hat sich Gonzalo, Isabels einziger Sohn im Alter von 45 Jahren das Leben genommen.

Wird sich diese Kette der Verzweiflung fortsetzen? Die Familie setzt ihre ganze Hoffnung auf Marcia, die Tochter von Isabel, Enkeltochter von Salvador, die mit 38 Jahren beschlossen hat, sich der Familiengeschichte zu widmen, auch vielleicht, um die Dämonen endlich auszutreiben.